Brauchen wir die Beziehungsebene in kurzen Weiterbildungen?

Muss man in kurzen Workshops, Web-Seminaren oder Videos eine Beziehung zu den Lernenden aufbauen? Kann man die Beziehungsebene nicht einfach kurz unter den Tisch fallen lassen, gerade weil man sich sowieso nur kurz begegnet? Sollten die Inhalte nicht sowieso im Vordergrund stehen?

Beziehungsebene und Sachebene - was bekommt in Weiterbildungen mehr Gewicht?

Treffe ich Studierende z. B. in einer dreistündigen Study-Skills-Weiterbildung, lohnt sich dann überhaupt der zeitliche und emotionale Aufwand, eine Beziehung mit den Teilnehmenden aufzubauen? Schließlich sehe ich sie höchstwahrscheinlich nie wieder. Es ist verführerisch, die Zeit und Energie zu sparen und sich einfach auf die Inhalte zu konzentrieren.

Unterschiedliche Ansätze aus der Psychologie zeigen jedoch immer wieder, dass die Beziehungsebene nicht nur für das Lernen unverzichtbar ist, sondern auch vor der Sachebene “geklärt” werden muss. Sprich, die Beziehung schafft eine Basis für gute Zusammenarbeit und für das Lernen – auch in sehr kurzen Kontakten, z. B. in einem einstündigen Web-Seminar zur Prokrastination.

Was sagen Studien & Theorien dazu?

Die Idee, dass die Beziehungsebene die Sachebene prägt, wird in verschiedenen Modellen und Experimenten immer wieder bestätigt:

  • Das Eisbergmodell besagt, dass 80 % der Kommunikation aus der Beziehungsebene besteht.
  • Die Harvard-Methode für gelungene Verhandlungen schlägt auch vor, selbst in verbissenen Verhandlungen “hart in der Sache, sanft im Umgang” zu sein. Hier wird betont, dass man die Beziehungsebene auch in einer Verhandlung nicht ignorieren kann.
  • Carl Rogers vertritt in seiner humanistischen Psychologie die Ansicht, dass Menschen sich nur dann weiterentwickeln können, wenn sie sich in einer guten Beziehung befinden.
  • Die “social brain hypothesis” besagt, dass Menschen sich als soziale Wesen entwickelt haben – dass also unser Gehirn sozusagen in großen Teilen dafür gebaut ist, um Beziehungen wahrzunehmen, zu interpretieren und zu gestalten.
  • Auch die Forschung zeigt immer wieder, dass Beziehungen zwischen Lehrenden und Lernenden den Lernerfolg, die Motivation usw. positiv beeinflussen.

Bei der Fülle an Evidenz bin ich der Auffassung, dass selbst kleinste Begegnungen mit Lernenden auf einer Mini-Beziehung basieren. Meine persönliche Erfahrung zeigt: Ist diese nicht geklärt, fühlt man sich einfach komisch.

Wie genau baut man blitzschnell eine gute Beziehung auf?

Mein Hobby ist Wing Chun: Ich lerne die Kampfkunst selbst noch, trainiere aber auch ab und zu die Anfänger*innen. Neulich musste ich spontan kurz die Kindergruppe übernehmen. Ich kannte die Kinder gar nicht und wusste, dass ich höchstens zehn Minuten mit ihnen verbringen würde. Trotzdem habe ich mir die Zeit genommen, zu sagen:

“Wir kennen uns alle noch gar nicht, gell? Ich sehe euch immer nur von da drüben – also, ich bin Nina und ich würde gerne wissen, wer ihr seid.”

Dann habe ich jedes Kind gefragt, wie es heißt, und seinen Namen wiederholt. Danach war gleich ein ganz anderes Gefühl da. Wir hatten eine (mikroskopische, schlichte) Beziehung. In den nächsten Minuten habe ich die Kinder erstmal kurz gefragt, was sie können und wo sie gerade dran waren.

So einfach kann es sein:

  • Etwas von sich erzählen – das ist authentisch und entspricht somit Rogers’ Kriterium für gute Beziehungen, es macht auch “approachable”, das ebenso hilfreich ist
  • Namen austauschen
  • Fragen stellen – das zeigt Interesse und Wertschätzung

Fazit: Auch in einer kleinen Begegnung zählt die Beziehung

Ich vertrete die Ansicht, dass die Beziehung zwischen Dozierenden und Lernenden in jeder Begegnung zählt. Auch im kleinsten Rahmen eines kurzen Workshops oder Web-Seminars kann und sollte man etwas für die Beziehung tun. Die Inhalte stehen zwar im Vordergrund – aber die Beziehung schafft eben die Basis, ohne die keine gute Zusammenarbeit möglich ist.

Sind Sie an einer Study-Skills-Weiterbildung interessiert? Schauen Sie sich gerne meine Themen, Angebote und Online-Kurse an…

Literatur

Dunbar, R. I. M. (1993). Coevolution of neocortical size, group size and language in humans. Behavioral and Brain Sciences, 16(4), 681–694. https://doi.org/10.1017/S0140525X00032325

Hagenauer, G., & Volet, S. E. (2014). Teacher-student relationship at university: An important yet under-researched field. Oxford Review of Education, 40(3), 370–388. https://doi.org/10.1080/03054985.2014.921613

Nina Bach ist in den USA und Kanada aufgewachsen und hat erst mit 11 Jahren deutsch gelernt; dass sie das geschafft hat, zeigte ihr, dass man alles lernen kann – wenn man weiß, wie man lernt. Deshalb hat sie Bildungswissenschaft studiert und bietet heute Study-Skills-Weiterbildungen für Studierende und Auszubildende an.

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