Overteaching: Die Gefahr des Vorkauens

frau füttert baby

Dozierende, die gute Lehre machen möchten, sollten nicht in die Falle tappen, den Lernenden jeden Wunsch erfüllen zu wollen. Denn Lernende wissen nicht immer, was für ihren Lernprozess am besten ist.

Intuition vs. Lernforschung

Unsere Intuition ist nicht unbedingt zuverlässig: In einer Studie z. B. schätzten die meisten Teilnehmenden, dass das wiederholte Lesen effektiver sein würde als das Aufschreiben des Gelernten. Im Wissenstest zeigte sich, dass diese Einschätzung falsch war (Roediger & Karpicke, 2006). Das wiederholte Lesen gab den Lernenden ein Gefühl der Sicherheit und führte zu einer Illusion des Wissens.

Passend dazu bekomme ich ab und zu von ein, zwei Personen rückgemeldet, sie hätten sich im Workshop gerne eine Zusammenfassung aller Inhalte für den Überblick gewünscht. Da ich Feedback ernst nehme und mich stets verbessern will, hadere ich jedes Mal – wirklich jedes Mal – mit diesen Rückmeldungen und prüfe, ob ich sie nicht doch umsetzen sollte. Ich verstehe die Lehre nämlich als Dienstleistung: Es geht um die Bedürfnisse der Lernenden.

Das führt zunächst zum Impuls, jedem Feedback-Wunsch der Lernenden gerecht werden zu wollen. Schaut man aber etwas tiefer, ist das Umgekehrte der Fall: Gerade weil ich als Lehrende besser weiß, was den Lernprozess fördert, darf ich nicht alles für die Lernenden übernehmen. Ich habe die Pflicht, meine didaktische Expertise einzusetzen, um für die Lernförderlichkeit zu sorgen. Sollte ich zu viel “Arbeit” für die Lernenden übernehmen, ist das Overteaching – und Overteaching ist keine Tugend.

Desirable Difficulties sind lernförderlich

Aktivität und Herausforderung sind beim Lernen sogar unverzichtbar. Das, was auf kurze Sicht angenehm für die Lernenden ist, ist auf lange Sicht nicht unbedingt am lernförderlichsten. Die Lernenden sollten in ihrer Zone der proximalen Entwicklung verweilen, wo sie herausgefordert, aber nicht überfordert sind. Dazu verhelfen unterschiedliche desirable difficulties, die ich als Lehrperson anbieten muss (Bjork & Bjork, 2011).

In meinem Fall wäre ein Handout zu viel des Guten, denn meine Inhalte sind bereits sehr strukturiert und übersichtlich (was das Feedback generell auch widerspiegelt). Die Lehrenden erarbeiten zudem meistens am Ende des Tages eigene Übersichten, gerade weil es mir wichtig ist, dass sie ein Gesamtbild der Inhalte konstruieren können.

eine visualisierung der zone der proximalen entwicklung in drei kreisen
Eine alte Skizze von mir zur Zone der proximalen Entwicklung.

Overteaching vermeiden mit Reflexion und Transparenz

Um Overteaching zu vermeiden, ist Reflexion für motivierte, engagierte Lehrende besonders wichtig: Reagiere ich auf das Feedback, weil das den Lernprozess fördert und die Lernenden darin unterstützt, den Lernzielen näherzukommen? Oder reagiere ich, weil ich glaube, dass gute Lehre darin besteht, jeden Wunsch der Lernenden zu erfüllen? Eine ehrliche Antwort auf diese Fragen wird aufzeigen, welches Vorgehen richtig ist.

Zudem sollte man nicht jedes Feedback als Dichotomie zwischen “Wunsch erfüllen” und “Wunsch nicht erfüllen” sehen. Es gibt viele Graustufen, mit denen auf ein Feedback reagiert werden kann. Ein Schritt kann darin bestehen, das Vorgehen in der Gruppe zu thematisieren: Man könnte z. B. erklären, warum man nicht bereit ist, ein Handout zur Übersicht zu erstellen.

In meinem Fall, da es in den Workshops meist um das “Lernen lernen” an sich geht, kann ich als desirable difficulty sogar die Lernenden bitten, selber eine Antwort darauf zu finden, weshalb ich ihnen kein Handout geben möchte. Die aktive Suche nach der Antwort ist an sich schon lernförderlich.

Literatur
Bjork, E. L., & Bjork, R. A. (2011). Making things hard on yourself, but in a good way: Creating desirable difficulties to enhance learning. Psychology and the real world: Essays illustrating fundamental contributions to society, 2(59-68).
 
Roediger, H. L., & Karpicke, J. D. (2006). Test-enhanced learning: Taking memory tests improves long-term retention. Psychological Science, 17, 249-255.

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